{"id":7,"date":"2009-02-15T14:05:43","date_gmt":"2009-02-15T12:05:43","guid":{"rendered":"http:\/\/hansschlemper.de\/photography\/?page_id=7"},"modified":"2010-01-24T19:29:18","modified_gmt":"2010-01-24T17:29:18","slug":"hs-uber-fotografie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.hansschlemper.de\/?page_id=7","title":{"rendered":"HS \u00fcber Fotografie"},"content":{"rendered":"<div id=\"content\">\n<div id=\"contentleft\">\n<div id=\"inhaltleft\">\n<p class=\"local\">Mit Fotografie(n) leben<\/p>\n<p class=\"local\">Fotografie ist Bestandteil unseres Alltags, als Aktivit\u00e4t und auch als mehr oder weniger bewu\u00dfte und gezielte Rezeption: wir gehen damit ganz selbstverst\u00e4ndlich um wie mit unserem Auto. Und so, wie wir selbst als engagierte Fu\u00dfg\u00e4nger st\u00e4ndig mit Verkehr konfrontiert werden, so haben wir es als Fotografierende oder aber auch als Nicht-Fotografierende st\u00e4ndig mit Fotografie zu tun: von der morgentlichen Zeitungslekt\u00fcre \u00fcber die Aggression der Werbung auf unseren t\u00e4glichen Wegen bis hin zum abendlichen Fernsehprogramm. Gehen wir deswegen so oberfl\u00e4chlich mit Fotos um? K\u00f6nnen wir uns \u00fcberhaupt vorstellen, wie bildarm die Menschen vor der Erfindung der Fotografie und selbst noch bis zur Erfindung ihrer gedruckten Reproduktion gelebt haben und welchen best\u00e4ndigen Bildhunger sie also versp\u00fcrt haben m\u00fcssen? (Aus: &#8222;Fotografie als Lebenskunst&#8220; &#8211; Vortrag, gehalten am 3o.1.2008 bei REFLEX e.V., Hannover)<\/p>\n<p class=\"local\">&#8222;Erkenne dich selbst&#8220;<\/p>\n<p class=\"local\">Fotografie ist f\u00fcr mich eine M\u00f6glichkeit der Selbsterforschung. Ich fotografiere immer seltener , um einen Lebensmoment f\u00fcr die Erinnerung festzuhalten. Sondern es geht bei mir zunehmend so: ein Ph\u00e4nomen der \u00e4u\u00dferen Welt &#8211; auf die die Fotografie ja immer angewiesen ist &#8211; trifft mich und l\u00e4\u00dft mich zur Kamera greifen (wenn ich eine dabei habe oder meine Begleitung nicht zu ungeduldig ist &#8211; ansonsten mache ich mir einen Knoten ins Taschentuch: wiederkommen mit Kamera und ohne Begleitung). Der Knoten kann sich auch von selbst kn\u00fcpfen, sogar ohne da\u00df ich es zun\u00e4chst bemerke: dann macht er von Zeit zu Zeit auf sich aufmerksam, bis ich seinen Hinweis nicht mehr verdr\u00e4ngen kann, die Kamera einpacke etc.<br \/>\nEs scheint, als g\u00e4be es nicht nur auf einem Foto ein &#8222;punctum&#8220; (Roland Barthes), das wie ein Stachel im Betrachter stecken bleibt, sondern auch in der \u00e4u\u00dferen Welt: B.Brechts Sonett &#8222;Entdeckung an einer jungen Frau&#8220; kommt einem da in den Sinn.<br \/>\nJedes Foto, das ich mache, ist offenbar zustande gekommen dadurch, da\u00df irgend etwas in der von mir wahrgenommenen Welt, also eine Art &#8222;punctum&#8220; mich dazu bewogen hat, es zu machen.<br \/>\nDie Frage, die ich oft nicht sogleich beantworten kann, ist die: was hat mich dazu bewogen, dieses Foto zu machen? Welche bewu\u00dften oder unbewu\u00dften \u00c4ngste, Sehns\u00fcchte, Begierden, Erfahrungen, Hoffnungen, Ressentiments, Abneigungen? Was in mir spricht es an? Wof\u00fcr ist es ein Zeichen? Eine Hieroglyphe? W\u00fcrde es sich mit anderen Fotos, bereits gemachten oder noch zu machenden, in eine Allegorie verwandeln? Etc.<br \/>\nEines scheint sicher zu sein: Ich mu\u00df mich h\u00fcten vor dem, was Roland Barthes die &#8222;einf\u00f6rmige Photographie&#8220; nennt, eine solche, die &#8222;vollkommen in der Zurschaustellung einer einzigen Sache auf(geht)&#8220;. Denn da w\u00e4re f\u00fcr mich nichts zu gewinnen, kein Aufschlu\u00df \u00fcber mich. Es h\u00e4tte ja gar nichts mit mir zu tun, sollte mich also &#8211; im Sinne Montaignes &#8211; nicht wirklich interessieren.<\/p>\n<p class=\"local\">Mit Goethe fotografieren<\/p>\n<p class=\"local\">Wenn Fotos der Selbsterforschung des Fotografen (und vielleicht einiger Betrachter) dienen, entspringen sie mit einiger Sicherheit einer Begegnung des Fotografen mit fotografierbarer Welt, die (zun\u00e4chst) ihn anr\u00fchrt, deren Bedeutung sich aber vielleicht nicht einmal ihm selbst sofort erschlie\u00dft. Begegnung aber ist nie planbar; sie ist zuf\u00e4llig, schicksalhaft wie in der Liebe der &#8222;coup de foudre&#8220;, weshalb es folgerichtig im Deutschen hei\u00dft: Den hat&#8217;s aber ganz sch\u00f6n erwischt!<br \/>\nGoethes Gedicht &#8222;Gefunden&#8220; l\u00e4\u00dft sich wie ein Haltungscode f\u00fcr den an Selbsterfahrung interessierten Fotografen lesen: Da geht einer im Wald so vor sich hin, will gar nichts suchen und kommt genau dadurch zu seinem &#8222;Bl\u00fcmchen&#8220;, das er liebevoll ausgr\u00e4bt und nach Hause tr\u00e4gt. Goethe schrieb das im Jahre 1813: da war es nicht mehr weit bis zur Erfindung der Fotografie.<br \/>\nW\u00e4hrend aber einerseits das bewu\u00dfte Suchen nach einer Begegnung kaum zum Erfolg f\u00fchrt, ist andererseits doch sicherlich die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr eine solche positiv beeinflu\u00dfbar: durch eine Haltung der Sammlung, des Absehens von allem Zerstreuendem, der Konzentration auf das in jedem Moment Erscheinende.<\/p>\n<p class=\"local\">Was ist von einem Foto \u00fcberhaupt zu erwarten?<br \/>\nIst es nicht so, da\u00df wir oft fotografieren, um das, was wir zu kennen meinen, dieses &#8218;Bild&#8216;, das wir von etwas oder jemandem haben (vgl. M. Frisch), in einem Foto zu verewigen? Fotos dienen heute in der Mehrzahl nicht dazu, vorgefa\u00dfte Bilder, Meinungen, \u00dcberzeugungen, Klischees etc. in Frage zu stellen, sie wieder r\u00e4tselhaft zu machen, das, was diese Fotos zeigen, als erst noch zu Verstehendes &#8211; und insofern vielleicht sogar Beunruhigendes &#8211; vorzuf\u00fchren. Wehe dem Fotografen, der das Bild, das sich der Betrachter von sich selbst &#8211; oder irgend etwas auf dieser Welt &#8211; macht, nicht trifft. Eine Art von horror vacui entsteht, ein Schwindel, Angst davor, sich mit etwas f\u00fcr bekannt, ja vertraut Gehaltenem neu auseinandersetzen zu m\u00fcssen. Das Ideal so vieler Fotografierender und Fotografierter scheint die direkteste, umwegloseste Verbindung zwischen einem Foto und dem Klischee, das sie von dem Motiv in ihrem Kopf haben, zu sein.<br \/>\nAber:<br \/>\nFotos m\u00fcssen nicht notwendig Klischees best\u00e4tigen.<br \/>\nFotos m\u00fcssen nicht notwendig die Realit\u00e4t verbergen (wie B.Brecht das annahm). \t\t\tFotos m\u00fcssen nicht notwendig als (falsche) Beweise f\u00fcr die Zeitenthobenheit von etwas gelten (Proust\/Brassai).<br \/>\nDenn:<br \/>\nFotos k\u00f6nnen, zufolge ihrer unl\u00f6sbaren Verbundenheit mit der sichtbaren Welt und zufolge des mechanisch desinteressierten &#8218;Blickes&#8216; des Kameraobjektivs, Dinge sichtbar machen, die das bewu\u00dfte, lebendige Auge gerne ausblendet. (W. Benjamin vergleicht die Fotografie daher mit der Psychoanalyse und S. Dal\u00ec sie mit &#8222;authentischer Poesie&#8220;.) Die scheinbar dem realen verbundene Fotografie enth\u00fcllt Sur-reales, das will hier besagen: Wahrheit \u00fcber die Realit\u00e4t (ebd.).<\/p>\n<p class=\"local\">Vorsicht: Lebensgefahr!<br \/>\nFotografie, die hinter die Fassade unseres gew\u00f6hnlichen Sehens blickt, kann dem Fotografen, der sein Foto betrachtet (aber auch irgendeinem Betrachter) Dinge, Gef\u00fchle u.a. zeigen, die er vielleicht gar nicht sehen m\u00f6chte oder zu sehen ertragen kann.<br \/>\nFotografie mag ein gutes Mittel gegen Langeweile sein, aber auch lebensgef\u00e4hrlich, wie das Schicksal der Fotografin Diane Arbus zeigt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\n<p class=\"local\">Mit Fotografie(n) leben<\/p>\n<p class=\"local\">Fotografie ist Bestandteil unseres Alltags, als Aktivit\u00e4t und auch als mehr oder weniger bewu\u00dfte und gezielte Rezeption: wir gehen damit ganz selbstverst\u00e4ndlich um wie mit unserem Auto. 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